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Interview mit Andreas Tölzer zum Judo-Grand-Prix in Düsseldorf

Am Wochenende (19./20.02.11) findet der Judo-Grand-Prix in Düsseldorf statt, eines der wichtigsten Turniere der Welt.
Vize-Weltmeister Andreas Tölzer vom JC Mönchengladbach spricht im Interview mit WDR.de über den "sanften Weg", den "Tölzer-Umdreher" und


*WDR.de*: Herr Tölzer, sind Sie ein sanftmütiger Mensch?
*Andreas Tölzer*: Also, ich würde mich zumindest nicht als aggressiv bezeichnen. Wenn es irgendwo mal Ärger gibt, halte ich mich zurück oder versuche zu schlichten und nicht selbst noch draufzuhauen.

*WDR.de*: Der Name ihrer Sportart bedeutet auf Deutsch "sanfter Weg". Man siegt durch Nachgeben.
*Tölzer*: So wird es in der Theorie gelehrt und im Prinzip ist es auch so. Aber man muss das ein bisschen relativieren. Judo besteht aus Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer. Man braucht Flexibilität und die entsprechenden Techniken. Ich verstehe das Nachgeben inzwischen mehr als fintenreich kämpfen. Zum Beispiel nach hinten antäuschen und dann nach vorne werfen oder nach rechts antäuschen und nach links werfen. Das klassische Siegen durch Nachgeben ist schwieriger geworden, weil in der Weltelite einfach alle Kämpfer super trainiert sind. Da kann man einen Gegner nicht mehr einfach so aufs Kreuz legen, nur indem man dessen Kraft ausnutzt. Vor zehn, 15 Jahren waren im Schwergewicht noch einige dabei, die pummelig und nicht ganz so athletisch waren. Aber wenn man sich heute die Weltspitze anschaut, ist da keiner mehr, der 25 Prozent Körperfett oder mehr hat. Es gibt also in dem Sinne keine Dicken mehr. Ich selbst habe bei 145 Kilo Körpergewicht einen Fettanteil von 16 Prozent.

*WDR.de*: Judo ist darüber hinaus auch eine Philosophie zur Persönlichkeitsentwicklung. Wie macht sich das im Spitzensport bemerkbar?
*Tölzer*: Meine eigene Entwicklung ist dafür ein gutes Beispiel. 2010 war bislang mein erfolgreichstes Jahr. Ich habe mit 30 Jahren meine erste WM-Medaille geholt. Das zeigt, dass man durch stetiges Weiterentwickeln von Geist und Körper irgendwann in die Weltspitze gelangen kann. Ich habe dabei eine mentale Stärke entwickelt, um nach Verletzungen immer wieder zurückzukommen.

*WDR.de*: Davon gab es einige. Ende 2009 stand wegen einer bakteriellen Infektion in der Nackenwirbelsäule sogar ihre Karriere auf dem Spiel.
*Tölzer*: Damals bin ich mit dem Bundestrainer im Auto durch Berlin gefahren und von Arzt zu Arzt getingelt. Einer der Ärzte hat mir zu einer Operation geraten, bei der man die beiden Wirbelkörper ausgeräumt und dann versteift hätte. Das wäre das Aus gewesen. Unser Mannschaftsarzt hat es dann erstmal konservativ mit Antibiotika versucht. Die haben dann auch angeschlagen und mich gerettet. Ich glaube, dass mich diese Erfahrung auch noch mal stärker gemacht hat.

*WDR.de*: Ihr Name ist im Judo nicht nur aufgrund ihrer Erfolge ein Begriff, sondern ist auch mit einer Technik, dem "Tölzer-Umdreher", verbunden. Wann kommt der zum Einsatz?
*Tölzer*: Wenn ich den Gegner werfe und er landet voll auf dem Rücken, gewinne ich. Wenn er aber auf der Seite oder auf dem Bauch landet, kann ich mit dem Tölzer-Umdreher nachsetzen. Ich fasse mit der rechten Hand unter seiner rechten Achselhöhle hindurch und diagonal an sein gegenüberliegendes Revers. Dann blockiere ich mit meinem linken Knie sein linkes Knie und schiebe mit meiner linken Hand seinen rechten Ellenbogen nach oben. Dadurch kippt er schon leicht auf seine linke Flanke. Dann versuche ich ihn langsam auf den Rücken zu drehen und muss dabei selbst vorsichtig von ihm wegrobben, damit er Platz hat, sich komplett auf den Rücken zu drehen. Dabei muss man aufpassen, dass der Gegner einem nicht mehr wegflutschen kann durch eine schnelle Bewegung.

*WDR.de*: Haben Sie schon Mal einen Kampf verloren, weil jemand ihren Umdreher angewendet hat?
*Tölzer*: Nein, noch nicht! Ich habe mir im Bodenkampf einen so guten Namen gemacht, dass die meisten Kämpfer es scheuen, überhaupt mit mir in den Bodenkampf zu gehen. Deshalb muss ich selbst mehr ansetzen, um die Gegner auf den Boden zu bekommen.

*WDR.de*: Wie bereiten Sie sich zum Beispiel jetzt vor dem Grand Prix in Düsseldorf auf ihre Gegner vor?
*Tölzer*: Sobald ich weiß, wer in meinem Pool ist, überlege ich, ob ich den Gegner schon gut genug kenne, um mir eine Taktik zurechtzulegen, oder ob ich ihn mir noch mal auf Video anschauen muss. Ich habe eine Datenbank mit über 150 Gigabyte an Videos von Gegnern, in der viele, viele Kämpfe gespeichert sind. Da gebe ich den Namen ein und der Computer spuckt mir dann aus, in welchem Kampf in welchem Jahr ich mir den jeweiligen Gegner angucken kann. Dann setze ich mich hin, schaue mir den Gegner an, mache mir Notizen und höre ich mir an, was der Trainer so denkt. Und wenn beides übereinstimmt, haben wir einen Plan.

*WDR.de*: Ein Mann, der fast alles kann, ist der Franzose Teddy Riner, gegen den Sie im WM-Finale verloren haben.
*Tölzer*: Es gibt alle paar Jahre immer mal wieder einen Judoka, der ein absoluter Überflieger ist. Und im Schwergewicht ist das im Moment Teddy Riner. Der ist mit seinen 21 Jahren schon vier Mal Weltmeister geworden und peilt jetzt den fünften Titel an. Das hat noch keiner geschafft. So einen zu schlagen, ist natürlich nicht einfach. Wir schauen uns auch von ihm Videos an und überlegen uns Taktiken. Man versucht eine Lücke aufzudecken. In den Trainingswettkämpfen, den Randori, kann man das dann auch schon mal ausprobieren, aber möglichst so, dass er es nicht merkt und die Lücke schließen kann. Das ist natürlich ein Taktieren auf hohem Niveau, um dabei nicht zu viel zu verraten von dem, was man kann, und von dem, wie man ihn gerne schlagen möchte. Das werde ich auch bei einem Internationalen Turnier nicht machen. Es gibt zwei Tage, an denen ich den Teddy Riner schlagen möchte, bei der Weltmeisterschaft und den Olympischen Spielen.

*WDR.de*: Was sind ihre Ziele für die Olympischen Spiele 2012 in London?
*Tölzer*: Als Vize-Weltmeister kann man nicht sagen, dass man mit einem fünften Platz bei Olympischen Spielen zufrieden wäre. Da geht es ganz, ganz klar Richtung Medaillen. Ich war Europameister, Vize-Weltmeister, jetzt fehlt halt noch Olympia. Die Qualifikation läuft noch ein Jahr und ich möchte mir dabei eine gute Ausgangsposition sichern, um Teddy Riner in London in einem möglichen Viertel- oder Halbfinale aus dem Weg zu gehen und erst in einem möglichen Finale auf ihn zu treffen.

*WDR.de*: Auch in Düsseldorf gibt es Punkte für die Olympia-Qualifikation.
*Tölzer*: Ja, aber ich persönlich brauche das Turnier nicht so sehr für meine Olympia-Qualifikation, weil ich 2010 schon sechs gute Ergebnisse gehabt habe, von denen fünf gewertet werden. Aber ich freue mich darauf, vor heimischem Publikum zu kämpfen und kann dabei auch noch mal den ein oder anderen Gegner auslesen.

Das Gespräch führte Michael Ostermann


 
19.02.2011 | Autor: Charly Hoeveler